{"id":20,"date":"2012-03-01T16:29:45","date_gmt":"2012-03-01T16:29:45","guid":{"rendered":"http:\/\/karinwieland.de\/kw\/?page_id=20"},"modified":"2015-12-07T14:01:18","modified_gmt":"2015-12-07T14:01:18","slug":"worte-und-blut","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/karinwieland.de\/kw\/buecher\/worte-und-blut\/","title":{"rendered":"Worte und Blut"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-117 alignnone\" title=\"Worte und Blut\" src=\"http:\/\/karinwieland.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/buch_blut_g.jpg\" alt=\"Worte und Blut\" width=\"314\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/karinwieland.de\/kw\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/buch_blut_g.jpg 314w, https:\/\/karinwieland.de\/kw\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/buch_blut_g-235x300.jpg 235w\" sizes=\"auto, (max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><br \/>\nWorte und Blut.<br \/>\nDas m\u00e4nnliche Selbst<br \/>\nim \u00dcbergang zur Neuzeit.<br \/>\nFrankfurt\/Main:<br \/>\nSuhrkamp Verlag 1999<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/karinwieland.de\/?page_id=257\">Rezensionen<\/a><\/p>\n<p>Meine Interpretation beruht nicht auf neu hinzugekommenen oder entdeckten Fakten, sondern ordnet das, was wir wissen, anders und neu. Die Einfachheit des Ordnungsschemas entspricht seiner grundlegenden Bedeutung. Das abendl\u00e4ndische Streben nach m\u00e4nnlicher Vervollkommnung verf\u00e4ngt sich einerseits in der Paradoxie von Worten und Blut und wird andererseits von ihr angetrieben. Mit dem Begriffspaar Worte und Blut wird eine historische Entwicklungspsychologie des m\u00e4nnlichen Selbst nachgezeichnet, so wie sich in Europa von 1000 bis 1500 herausgebildet hat. Die Metamorphose beginnt mit der magischen Einheit in der Gestalt des gesalbten K\u00f6nigs, und sie endet in der nach den Wertsph\u00e4ren der Kunst, Wissenschaft und Politik differenzierten M\u00e4nnlichkeitstypologie der italienischen Renaissance. Der Gang der verschiedenen Koordinationen von Worten und Blut vollzieht sich \u00fcber die ewige Wiederkehr des gleichen Problems: Worte, die das Blut zu \u00fcberwinden suchen, aber immer wieder des Blutes bed\u00fcrfen, um sich ihres Seinsgrunds zu vergewissern.<\/p>\n<p>Bernhard von Clairvaux ist der Heilige aus der selbstgew\u00e4hlten W\u00fcste, der die besinnungslose Hingabe in der Liebe zu Gott predigt und dessen M\u00f6nche begierig sind, seine erotischen Geschichten \u00fcber die Jungfrau zu h\u00f6ren; sie sind durch ihn Ritter einer neuen Liebe geworden, der Liebe zu Maria. Bernhard ist der wortgewaltige Vertreter der Schweigsamkeit und eine aggressive politische Instanz des 12. Jahrhunderts. Seine hasserf\u00fcllten Worte gegen die Ungl\u00e4ubigen dr\u00f6hnen durch dieses Jahrhundert, das gleichzeitig von seinen honigs\u00fc\u00dfen Liebesschw\u00fcren zur Mutter Gottes durchdrungen ist. Bernhard predigt das Einswerden mit dem Wort, die Meditiation in Stille und Abgeschiedenheit, die den Geweihten in eine ekstatische Verz\u00fcckung bringt. Das eine Wort birgt f\u00fcr ihn den Abglanz der Herrlichkeit und die Erl\u00f6sung wird dem Menschen durch das Blut Christi gew\u00e4hrt.<br \/>\nAbailard ist der aus der Stadt vertriebene Kleriker, der in der Arena des Geistes seine Widersacher mit seinem ber\u00fcchtigtem Scharfsinn niedergestreckt hat. Die von ihm gef\u00fchrten Diskurse um die Bedeutung der Worte sind Diskurse, die bereits die neuen Sph\u00e4ren der Macht definieren. F\u00fcr Abailard ist die Analyse des sprachlichen Ausdrucks die Waffe des Logos. Nicht das eine Wort, das nach innen f\u00fchrt, steht im Mittelpunkt seines Denkens, sondern das Verst\u00e4ndnis des Satzes, die grammatikalische Konstruktion, das System der Worte, das Sinn macht. F\u00fcr Abailard bergen die Worte den Zweifel und die Fragen, die uns zu Gott f\u00fchren. Das Denken von Bernhard von Clairvaux und das Denken von Pierre Abailard strebt den Kathedralen gleich in die H\u00f6he. Bernhards meditative Suche ist nach oben hin zu Gott gerichtet, der in einer ekstatischen Einswerdung dem Gl\u00e4ubigen einen Zustand der h\u00f6chsten Klarheit und Konzentration gew\u00e4hrt.<br \/>\nAuch Abailards rationale Suche nach der Wahrheit ist nach oben hin gerichtet; er spitzt seinen Zweifel zu, er treibt ihn mittels seines Scharfsinns in die H\u00f6he, so dass ihm Gott Einsicht in seine Geheimnisse zu gew\u00e4hren vermag.<br \/>\nVon der einfachen zur reflektierten Differenz: Bernhard begeistert das Blut mit Worten; Abailard will aus den Worten die Spur des Blutes lesen. An die Ritter wenden sie sich beide: Abailard wird zum Ritter des Wortes, und Bernhard macht die Ritter zum Bestandteil seiner Liebe zur Mutter Gottes. Das gegenseitige Suchen und Finden der Wahrheit, das Bernhard und Abailard verbindet und trennt, ist gepr\u00e4gt vom Gleichgewicht der h\u00f6chsten Spannung, das den abendl\u00e4ndisch-christlichen Geist ausmacht.<\/p>\n<p>Es war Francesco Petrarca ein leidenschaftlicher Wunsch, den antiken Autoren so nahe wie m\u00f6glich zu sein. In seiner Studierstube, umgeben von den in B\u00fcchern niedergelegten lateinischen Worten seiner toten Freunde, schrieb er seine Dichterworte nieder, und im Kontakt mit den Gr\u00f6\u00dfen der Antike verlieh er seinen Worten eine nachgeradezu kultische Weihe. Auf Latein zu schreiben bedeutete f\u00fcr Petrarca, seine Worte mit Unsterblichkeit zu versehen.<br \/>\nFrancesco Petrarca geh\u00f6rt dem Adel des Wortes an. Er war der Prophet seiner selbst. Der Glanz seiner Dichterperson wird durch seine geschriebenen Worte erzeugt; es ist das Medium und der Gebrauch der Worte, die ihm den Glauben schenken, demselben Geist wie die R\u00f6mer anzugeh\u00f6ren, r\u00f6misches Blut in den Adern zu haben. Die Worte bilden den Thron, von dem aus er den edlen Toten die Hand reicht und seinen Adel sp\u00fcrt. Doch die Gemeinschaft des lebenden mit den toten M\u00e4nnern in der Welt der lateinischen Worte bewahrte den Dichter nicht vor Angriffen seiner Sinnlichkeit, denn er war ein Mensch und ein Mann. Die niedrigste Art der Sch\u00f6nheit war f\u00fcr Petrarca die der sch\u00f6nen K\u00f6rperlichkeit. Die Liebe zu einer sch\u00f6nen Gestalt erlebte er als einen Gegensatz zu der von ihm gesuchten Geistigkeit. Da er dem Adel des Wortes angeh\u00f6rt, stellt sich f\u00fcr ihn die Frage des Blutes als Frage der Abstammung nicht. Doch im Zusammentreffen mit dem sch\u00f6nen anderen Geschlecht sp\u00fcrt er, dass er Blut in seinen Lenden hat. Laura gemahnt ihn an seine physische Existenz und dadurch an seinen Tod.<br \/>\nIn der italienischen Sprache schreibt er seine Liebeslyrik. Als Dichter italienischer Worte will er sich nur rimatore und nicht poeta nennen lassen, da ein wahrer Dichter nur ein Dichter lateinischer Worte ist. Petrarca erschafft einen italienischen Wortk\u00f6rper, in dem er die sch\u00f6ne, weibliche Gestalt, die sein Blut zu reizen vermag und ihn solcherart an seinen sterblichen K\u00f6rper gemahnt, leben und sterben l\u00e4sst. Durch das Schmieden von Versen in italienischen Worten, durch die Konstruktion nahezu unl\u00f6slicher Wortgebilde seiner Ruhmessucht und ihres Namens, durch die Verbindung der Heilsgeschichte mit seiner leidvollen Liebesgeschichte vereinigt er sich mit ihr, wird eins mit ihr im Wort. Der Dichter verleibt die sch\u00f6ne Frau, die ihn sein Blut sp\u00fcren l\u00e4sst, seinem selbstreferentiellen System der Worte ein, und die Worte, mit denen er sie erschafft und t\u00f6tet, geh\u00f6ren dem Wortkreislauf an, der ihm Unsterblichkeit bescheren soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worte und Blut. Das m\u00e4nnliche Selbst im \u00dcbergang zur Neuzeit. Frankfurt\/Main: Suhrkamp Verlag 1999 Rezensionen Meine Interpretation beruht nicht auf neu hinzugekommenen oder entdeckten Fakten, sondern ordnet das, was wir wissen, anders und neu. Die Einfachheit des Ordnungsschemas entspricht seiner grundlegenden Bedeutung. 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